Schöpfen statt verwalten
Professor Günter Faltin sieht Gründen als kreativen Prozess
 
Meinung
Professor Günter Faltin sieht Gründen als kreativen Prozess
Text: Marion Kuka  

Es stimmt nicht, dass man zum Unternehmer geboren sein muss. Und es stimmt auch nicht, dass man zwölf Stunden am Tag arbeiten, ein Patent halten, Kapital haben und Buchhaltung beherrschen muss. Unternehmer brauchen vor allem eins: Kreativität. Auf dem Entrepreneurship Summit an der Freien Universität Berlin werden jedes Jahr im Oktober Denkrichtungen vorgestellt, in denen die Entwicklung und Umsetzung einer Geschäftsidee vor allem als schöpferischer Prozess betrachtet wird: Konzept-kreatives Gründen, das Komponenten-Modell, der sogenannte Medici-Effekt und Design Thinking sind nur einige der Schlagworte für unternehmerischen Erfolg.

Das Kapital für konzept-kreative Gründungen sind die herrschenden Konventionen – Regeln, die bisher niemand in Frage stellt, weil es immer so gemacht wurde. Beispielsweise: Tee kauft man in kleinen Mengen von großen Markenfirmen, das Wichtigste an einer Fluglinie ist hervorragender Service, Schuhe erwirbt man im Laden, weil man sie anprobieren muss. Der konzept-kreative Gründer stellt diese Regeln systematisch in Frage und entwickelt daraus eine Geschäftsidee, die überzeugender ist als die Konventionen. „Einfach ist das nicht“, sagt Professor Günter Faltin, der Begründer dieser Denkrichtung: „Oft muss ein Konzept mehrfach umgeworfen und überarbeitet werden, bevor es wachsen kann.“ Der Unternehmer und Leiter des Arbeitsbereiches Entrepreneurship der Freien Universität Berlin lieferte selbst den Beweis dafür, dass seine Theorie in der Praxis funktioniert: Mit seiner Firma „Teekampagne“ wurde er zum weltgrößten Importeur von Darjeeling-Tee.
Auch das „Gründen mittels Komponenten“ gehört zur Methodenlehre von Faltin. Es räumt mit der Vorstellung auf, dass ein Unternehmen ein handfestes Gebilde aus Räumen, Arbeitsplätzen und Mitarbeitern ist. Denn unser arbeitsteiliges Wirtschaftssystem stellt einen Baukasten mit vielen Komponenten zur Verfügung, aus denen man ein Geschäftsmodell zusammensetzen kann. So können heute fast alle Teile eines Unternehmens ausgelagert und an Spezialisten delegiert werden, etwa an einen Versanddienstleister, ein Callcenter, einen Produzenten oder einen Buchhalter oder Steuerberater. Die Aufgabe des Gründers besteht darin, die besten Partner für die Komponenten zu finden und diese zu koordinieren. Das Modell baut auf einem Trend auf, der in angelsächsischen Ländern zu beobachten ist: Unternehmerisches Handeln wird unter zwei Aspekten betrachtet, nämlich Entrepreneurship – Wie kommt das Neue in den Markt? – und Business Administration – Wie verwalte ich ein Unternehmen? Heute sind beide Aufgaben so umfangreich, dass ein Gründer sie kaum noch gleichzeitig erfüllen kann.
Dass es an Anregung für unternehmerische Innovation mangelt, wenn der Blick von Verwaltung und kleinteiliger Arbeitsethik verstellt ist, untersuchte Jeanette zu Fürstenberg in ihrer Dissertation über den „Medici-Effekt“ am Arbeitsbereich Entrepreneurship der Freien Universität. Neues entstehe aus dem Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen und Disziplinen, betont sie. Die Bankiersdynastie der italienischen Renaissance förderte schöpferisches Arbeiten in seiner ganzen Breite. Bildhauer, Wissenschaftler, Dichter, Philosophen, Maler, Finanziers und Architekten trafen sich im Florenz des 15. Jahrhunderts, lernten voneinander und schufen gemeinsam eine Welt neuer Ideen. „Städte wie Barcelona oder Berlin haben heute eine ähnliche Wissenschafts- und Kulturszene“, sagt Jeanette zu Fürstenberg. „Was den Medicis aber offenbar besser gelungen ist, war der Brückenschlag – nämlich eine Atmosphäre zu schaffen, in der man miteinander arbeitet, statt ängstlich die Unterschiede zu betonen. Darauf warten wir vergeblich, solange wir an einem überholten Bild des Gründers kleben. Wir müssen Entrepreneurship als offenes, attraktives Feld für eigenständiges schöpferisches Handeln formulieren, um dem Medici-Effekt eine Chance zu geben.“
Genau daran arbeitet Professor Ulrich Weinberg, Leiter der School of Design Thinking des Hasso-Plattner-Instituts an der Universität Potsdam. Nach dem Vorbild der berühmten „d.school“ der US-amerikanischen Stanford University lehrt er die Fähigkeit, in multidisziplinären Teams besonders benutzerfreundliche Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Je vier bis fünf Studierende bilden mit Professoren und Dozenten ein Team – alle kommen aus unterschiedlichen Disziplinen, etwa Informatik, Design, Betriebswirtschaft, Medizin oder Sozialwissenschaften. Nach der Design-Thinking-Methode kombinieren die Gruppen Ansätze aus Design und Ethnographie mit Kenntnissen über Technologien und Wirtschaft, um die versteckten Bedürfnisse von Nutzern herauszufinden und diese mit technischer Machbarkeit und wirtschaftlicher Rentabilität in Einklang zu bringen.
Kreative Köpfe, so lautet die gemeinsame Botschaft dieser Ansätze, haben also beste Chancen, als Unternehmer erfolgreich zu sein – auch ohne Buchhaltungskenntnisse. Ihnen gilt der Aufruf von Professor Faltin: „Werden Sie Entrepreneur! Es gibt keine bessere Alternative.“