Virtenio
Erste Schritte in die Freiheit
 
Gründerstory
Erste Schritte in die Freiheit
Text: Julia Gärtner   Fotos: Julian Röder

Intelligente Häuser, empfindsames Obst, Felder, die sich selber düngen? Das sind keine Zukunftsphantasien, sondern Gegenstand der Virtenio GmbH, einem Gründerteam aus Berlin, das mit seinem innovativen Minicomputer unseren Wohnungen das Denken beibringen kann, um die Welt ein Stück schlauer zu machen.

Bananen sind sehr sensible Früchte, sie reagieren empfindlich auf Stress. Klingt Banane? Für den Laien vielleicht, wohl aber nicht für den Großhändler, der im Hamburger Hafen auf seine Ware wartet. Damit der in Zukunft genau über den Zustand seiner Ladung informiert ist, hat Virtenio einen Mikrocomputer mit eigener Software entwickelt. Die Platinen, die gerade einmal die Größe einer Handy Sim-Karte haben, werden in den einzelnen Containern angebracht und senden permanent Daten über Temperatur, Luftfeuchtigkeit und weitere Messgrößen an einen zentralen Bordcomputer, auf den der Großhändler von seinem Firmencomputer im Büro über eine Verbindung per Satellit zugreifen kann. Somit können bereits vor dem Verladen alle notwenigen logistischen Schritte eingeleitet werden, um die Ware möglichst frisch weiterzuleiten. Dies ist nur eine von unzähligen Anwendungsmöglichkeiten der Minicomputer, an der man jedoch die individuellen Einsatzmöglichkeiten und die komplexe Funktionsweise erkennen kann. Die „Smart Wireless Devices“ sind Funkmodule, die mit minimalem Energiebedarf konstant Informationen sammeln, verarbeiten und weiterleiten. Sie können als einzelne Sonde oder im Netzwerkverbund eingesetzt werden und innerhalb des Systems kommunizieren. Thomas Henn, einer der Gründer von Virtenio, fasst die Möglichkeiten des Produkts zusammen: „Mit unseren Modulen können wir Gegenstände zu intelligenten Kommunikatoren machen, die Daten sammeln, untereinander austauschen und entsprechend reagieren. Das Ganze wird auch als das ‚Internet der Dinge’ bezeichnet, weil hier jedes „Ding“  innerhalb eines Netzwerks kommunizieren kann. Mit dieser Technologie sind auch intelligente Wohnungen möglich, die sich den Gewohnheiten und Bedürfnissen der Bewohner anpassen und den Alltag komfortabler machen. Man darf keine goldenen Wasserhähne entwickeln, sondern braucht ein Produkt, das solide ist, wo der Kunde sagt, das nutzt uns was, das ist zuverlässig und dem vertrauen wir.“ Thomas Henn war schnell von dem anspruchsvollen Produkt überzeugt. Als er Dr. Henri Kretschmer 2009 auf einer privaten Geburtstagsfeier traf, hörte er zum ersten Mal von ihm von der Idee der Smart Wireless Devices und war sofort begeistert: „Da habe  ich mir gedacht, ein sehr spannendes Projekt, bei dem ich mich gerne einbringen möchte.“ Am Ende des Abends stand fest: die Chemie stimmt und ein Ökonom vervollständigt die Kompetenzen des Virtenio- Teams, das sich bisher aus den Ingenieuren Dr. Henri Kretschmer, Torsten Hüter und Stefan Ziegler zusammensetzte. Alle drei hatten sich an der Technischen Universität in Berlin kennen gelernt, wo Kretschmer die Diplomarbeiten betreute, die zwei wichtige Säulen des Produkts darstellen. „Herr Ziegler hat die Software für dieses System geschrieben, die in dieser Form einzigartig ist und hilft, uns so von unseren Wettbewerben zu unterscheiden. Herr Hüter hat die Hardware für das Gesamtsystem entwickelt und dabei versucht, ein energiesparendes und größenoptimiertes System aufzusetzen,“ erläutert Thomas Henn, dem die Faszination und der Stolz für das eigene Unternehmen ins Gesicht geschrieben steht. Mit dem EXIST-Gründerstipendium 2009 und einem Platz in der Gründerwerkstatt an der TU Berlin wurde der Weg für das neuartige Produkt bereitet. „Das war für uns eine Art Kinderstube. Wir wurden von vielen Seiten unterstützt. Der Gründungsservice der TU-Berlin gab uns Orientierungshilfe und Tipps, so dass wir uns wie in einem Inkubationsraum entwickeln konnten“ schwärmt Henn. Hier bekamen sie Unterstützung durch Coaches und erste Kontakte zu Investoren, eine gute Übung, sein Produkt kundenorientiert zu präsentieren und an seiner Außenwirkung zu arbeiten. Trotzdem vergisst Henn nicht zu erwähnen, dass nicht alles immer ganz einfach war. „Die Ganzheitlichkeit eines Produkts ist sehr herausfordernd. Man stellt sich vor, dass man das Produkt entwickelt, es in eine hübsche Verpackung steckt und verkauft. Aber da ist so viel Drumherum, da muss man sich noch vieles selber erarbeiten und durchkämpfen.“ „Man muss schon Biss haben, sonst klappt es nicht“ ergänzt  Dr. Henri Kretschmer. „Ungeduld ist die falsche Herangehensweise. Die richtige Portion Hartnäckigkeit ist notwendig, wenn etwas nicht auf Anhieb klappt. Selbstzweifel, die in schwierigen Zeiten und bei Rückschlägen aufkommen, lassen sich mit einem gesunden Blick auf das, was man schon erreicht hat und mit einem optimistischen Blick nach vorn, überwinden. Man darf sich einfach nicht zu früh zufrieden geben, oder eben aufhören.“ Wenn die jungen Unternehmer über den Stellenwert von Ehrgeiz bei der Gründung sprechen, kann man sich gut vorstellen, wie weit über jede normale Arbeitszeit hinaus versucht wird, Prozesse und Lösungen zu optimieren, um das Wachstum des Unternehmens voranzutreiben. Doch es ist kein verbissener Perfektionismus den man hier spürt, sondern die hundertprozentige Leidenschaft und Überzeugung für das Produkt. „Man muss immer das Ziel vor Augen haben, dann weiß man, dass sich die Entbehrungen am Anfang lohnen und es macht Spaß gemeinsam daran zu arbeiten“ erklärt Henn die Frage nach der Motivation. Wobei in diesem Fall das Ziel nicht ausschließlich das Produkt ist, sondern die Freiheit, Arbeit selbst gestalten zu können. Da sind sich die Gründer einig, sie wollen ihre Arbeitsstrukturen, Inhalte und Hierarchien selber bestimmen. „Das ist in keinem Angestelltenverhältnis in dem Maß möglich, und je mehr man Freiräume liebt, desto mehr sollte man über eine Gründung nachdenken“ rät Dr. Kretschmer. Damit sie ihre Freiräume in Zukunft noch mehr genießen können, arbeiten die Gründer von Virtenio verstärkt an der Akquise und dem Vertrieb. Auch ein hochmodernes Glücksrad mit eingebauten Minicomputern, das zu Demonstrationszwecken gerne auf Messen verwendet wird, spielt dabei eine Rolle. „Das macht nicht nur das Produkt greifbarer, sondern bringt jede Menge Spaß in das komplexe Technologiethema. Schließlich sind wir keine technikverliebten Sonderlinge, die sich nur zurückziehen“, schmunzelt Henn abschließend.